Quassel Sprachhilfe · Eigenbau
verwaschen verständlich Quassel

Sprechen statt tippen

Quassel ist ein Gerät, das schwer verständliche Sprache erkennt und den erkannten Satz laut und deutlich ausspricht. Gebaut für den Fall, dass die Aussprache nachlässt, das Sprechen selbst aber bleibt.

Warum es das braucht

Wenn die Stimme bleibt und die Aussprache geht

Bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) und ähnlichen neurologischen Erkrankungen verlieren die Muskeln nach und nach ihre Ansteuerung — auch die von Zunge, Lippen, Gaumen und Kehlkopf. Fachlich heißt das Dysarthrie: Der Mensch weiß genau, was er sagen will, und er sagt es auch. Nur kommt es verwaschen an.

Die Betroffenen merken das zuerst daran, dass Fremde nachfragen. Später verstehen nur noch nahe Angehörige zuverlässig, und irgendwann auch die nicht mehr durchgehend. Die meisten ALS-Erkrankten erleben das im Verlauf ihrer Erkrankung.

Die üblichen Hilfsmittel — Sprachcomputer mit Tastatur, Symbolfeldern oder Augensteuerung — tauschen dabei ein Problem gegen ein anderes ein: Sie sind verständlich, aber langsam. Ein Gespräch lebt vom Takt. Bis der Satz getippt ist, ist der Moment vorbei, in den er gehört hätte, und das Gegenüber hat weitergeredet.

Genau in dieser Lücke setzt Quassel an. Nicht bei denen, die nicht mehr sprechen können — sondern bei denen, die noch sprechen, aber nicht mehr verstanden werden.

150Wörter je Minute — so schnell läuft gesprochene Sprache
10–20Wörter je Minute — so schnell läuft getippte Sprache
1Taster — statt Tastatur, Symbolfeld oder Augensteuerung

Es ist ein Wettlauf

Die Erkrankung schreitet fort. Jede Aufnahme, die heute entsteht, ist besser als jede, die in einem Jahr entstehen könnte — und in einem Jahr ist die heutige Aussprache nicht mehr nachzustellen. Deshalb beginnt dieses Projekt beim Mikrofon und nicht bei der Software.

Der Ansatz

Nur die letzte Stufe reparieren

Sprechen ist eine Kette: Gedanke, Satzbau, Ansteuerung der Muskeln, Schallwelle, Ohr des Gegenübers. Bei einer Dysarthrie ist nur das letzte Glied gestört. Alles davor funktioniert unverändert.

Quassel lässt deshalb alles stehen, was noch geht, und ersetzt nur das, was nicht mehr trägt: Taster drücken, sprechen, loslassen. Das Gerät erkennt den Satz und spricht ihn über einen Lautsprecher laut aus.

Der Taster ist dabei kein Behelf, sondern Absicht. Er zeigt dem Gegenüber, dass gleich etwas kommt — und er macht die Erkennung deutlich zuverlässiger, weil das Gerät nicht raten muss, wann eine Äußerung endet, sondern den ganzen Satz auf einmal auswertet.

Warum das gehen kann

Übliche Spracherkennung — Handy, Sprachassistent, Diktierprogramm — scheitert an dysarthrischer Sprache. In Studien liegt die Wortfehlerrate dort über 100 Prozent: Es kommen mehr falsche Wörter heraus, als überhaupt gesprochen wurden. Unbrauchbar.

Ein Modell dagegen, das ausschließlich auf eine einzelne Stimme trainiert wurde, erreicht schon mit ein bis zwei Stunden Aufnahmematerial Fehlerraten von 10 bis 16 Prozent. Das ist der ganze Unterschied — nicht mehr Technik, sondern Technik, die nur einen einzigen Menschen kennt.

Der Weg des Signals

Mikrofon am Kopfbügel nimmt auf, solange der Taster gedrückt ist KERN Erkennung im Gerät auf eine Aussprache trainiert · ohne Internet Lautsprecher spricht den Satz laut und deutlich aus TASTER — DER MENSCH GIBT DEN TAKT VOR

Erst anzeigen, dann sprechen

Das größte Risiko einer Spracherkennung ist nicht, dass sie langsam ist — sondern dass sie flüssig etwas erfindet, das nie gesagt wurde. Eine Lücke merkt jeder Zuhörer und fragt nach; einen erfundenen, gut klingenden Satz glaubt er. Deshalb erscheint jeder Satz zuerst auf einer kleinen Anzeige und wird erst danach ausgesprochen. Und was das Gerät nicht sicher verstanden hat, sagt es lieber gar nicht.

Der Weg dorthin

Drei Abschnitte über etwa ein halbes Jahr

Nur der erste kann nicht warten. Alles Technische lässt sich verschieben, das Sammeln der Aufnahmen nicht.

Abschnitt 1läuft gerade

Aufnehmen

Mit einem guten Kopfbügelmikrofon entstehen rund drei Stunden Sprachaufnahmen: fest vorgegebene Referenzsätze, Alltagsphrasen, Namen und Fachbegriffe. In Sitzungen von etwa 15 Minuten, verteilt über Wochen — und bewusst über verschiedene Tageszeiten, auch die müden. Ein Modell, das nur die Bestform am Vormittag kennt, versagt abends.

Abschnitt 2danach

Anlernen

Aus den Aufnahmen entsteht ein Erkennungsmodell, das nur diese eine Aussprache kennt. Gerechnet wird das auf einer leistungsfähigen Grafikkarte, für wenige Stunden — und zwar lokal. Die Aufnahmen verlassen den eigenen Bereich nicht.

Abschnitt 3zuletzt

Gerät bauen

Das fertige Modell kommt auf einen kleinen, stromsparenden Rechner — zusammen mit Mikrofon, Lautsprecher, Taster, Anzeige und Akku. Elektronik, Platine und Gehäuse entstehen im Eigenbau.

Abschnitt 1Aufnehmenzeitkritisch
Abschnitt 2Anlernenverschiebbar
Abschnitt 3Gerät bauenverschiebbar

Warum die Reihenfolge so und nicht anders ist

Software lässt sich nachbessern, Elektronik neu bestellen, ein Gehäuse zweimal fräsen. Eine Stimme nicht. Die Aussprache von heute gibt es in einem Jahr nicht mehr, und je früher und je sauberer das Material ist, desto länger trägt das fertige Gerät später. Deshalb steht am Anfang das Mikrofon.

Und selbst wenn Quassel als Gerät nie fertig würde, wären die Aufnahmen nicht umsonst: Aus ihnen lässt sich eine Computerstimme erzeugen, die nach dem Sprecher klingt — und die passt in jeden handelsüblichen Sprachcomputer. Der erste Abschnitt ist in jedem Fall gut angelegt.

Grundsätze, die nicht verhandelbar sind

  • Nichts geht in die Cloud. Sprachaufnahmen mit Gesundheitsbezug gehören zu den besonders geschützten Daten. Aufnehmen, Anlernen und Erkennen finden lokal statt.
  • Keine Aufnahme wird gelöscht — auch keine misslungene. Sie ist nicht reproduzierbar. Aussortiert wird über ein Statusfeld, nicht im Dateisystem.
  • Die Aufnahmekette ist eingefroren. Mikrofon, Wandler, Abstand, Verstärkung und Abtastrate liegen fest und werden protokolliert. Ändert sich etwas daran, ist die Vergleichbarkeit aller bisherigen Messungen dahin.
  • Gemessen wird gegen den Menschen, nicht gegen eine Prozentzahl. Die entscheidende Frage lautet nicht „wie viel Fehlerrate", sondern: versteht das Gerät den Sprecher mindestens so gut wie ein vertrauter Mensch?

Ehrlichkeitshalber

Was Quassel nicht ist

  • Kein Ersatz für die Logopädie. Die Therapie bleibt. Das Gerät hilft nur dort, wo sie an ihre Grenzen kommt.
  • Kein Medizinprodukt. Eine Einzelanfertigung für den Eigengebrauch. Kein Verkauf, keine Zulassung, keine Abrechnung mit einer Kasse.
  • Kein fertiges Produkt. Es entsteht für einen einzigen Menschen. Sollte es taugen, werden Bauanleitung und Software veröffentlicht — nicht das Modell und schon gar nicht die Aufnahmen.
  • Keine Lösung für alle. Ein Modell, das auf eine Stimme trainiert ist, hilft genau dieser einen. Übertragbar ist das Verfahren, nicht das Ergebnis.

Stand des Projekts

Es wird gerade aufgenommen

Die Machbarkeit ist geprüft, die Aufnahmekette steht, ist eingemessen und eingefroren. Das Referenzset — jene festen Sätze, an denen später jeder Fortschritt gemessen wird — ist aufgenommen und liefert den Ausgangswert, gegen den alles Weitere antritt. Parallel dazu wächst die Liste der Alltagsphrasen, die das Gerät zuerst beherrschen soll.

Diese Seite wird mitwachsen. Sobald es etwas zu zeigen gibt, kommen hier Bilder der Hardware dazu — Aufnahmeplatz, Elektronik, Platine, Gehäuse — und die Erfahrungen aus dem Bau. Auch die, die nicht funktioniert haben.

Folgt

Bilder der Hardware, Messreihen und Bauunterlagen, sobald das Projekt weiter ist.